Bevor der Ort einen überlieferten Namen hatte
In Mitteleuropa dauerte die Jungsteinzeit ungefähr von 5500 bis 2200 v. Chr. Aus dieser langen Epoche stammen auch frühe Spuren menschlichen Lebens im Raum Arnstadt. Wann hier die erste Siedlung entstand, lässt sich mit dieser Zeitangabe allein nicht sagen. [9]
Am Egelsee und in Rudisleben wurden gemeinschaftliche Grabanlagen gefunden. Der Archäologe Mario Küßner untersucht sie in seinem Aufsatz über die spätneolithischen Totenhütten zwischen Gotha und Arnstadt. Seine Übersicht umfasst Anlagen aus der Zeit von etwa 3400 bis 2900 v. Chr. Auch die Alteburg nennt er als vorgeschichtlichen Siedlungsplatz. Menschen haben diese Gegend also schon lange genutzt. Ob sie seitdem durchgehend bewohnt war, ist damit noch nicht geklärt. [6]
Die Alteburg ist älter als ihre mittelalterlichen Spuren

Äcker, Wege und Gehölze auf der Alteburg, aufgenommen im Oktober 2014. Unter diesem Gelände liegen die Spuren des vorgeschichtlichen Siedlungsplatzes.
Giorno2 · Bildquelle · CC BY-SA 4.0 · Groß ansehen ↗Die Alteburg war schon lange vor dem Mittelalter besiedelt. Die Stadt beschreibt dort eine eisenzeitliche Wallanlage von rund 23 Hektar, die später zur mittelalterlichen Stadtbefestigung gehörte. Als ein Spielplatz gebaut wurde, untersuchte das Landesamt das Gelände erneut. Im Bericht vom Januar 2025 werden Funde aus der Jungsteinzeit, der Bronzezeit und der vorrömischen Eisenzeit genannt. [1]
Zu den Funden gehören Keramikscherben, Spinnwirtel, Reste von Reibemühlen und Werkzeuge aus Hornstein. Der kurze Bericht datiert die Stücke und Bauphasen nicht einzeln. Ein genaues Gründungsjahr oder eine lückenlose Besiedlung lässt sich daraus deshalb nicht ableiten. [1]
Auch eine Gründungsgeschichte führt auf die Alteburg: Von hier soll der Frankenkönig Merowig die Stadt gegründet haben. Schon die ältere Arnstadt-Chronik führt diese Erzählung als Sage. Wie die Siedlung tatsächlich entstand, erklärt sie nicht. [10]
Römisches Geschirr unter der heutigen Altstadt
Arnstadt lag außerhalb des Römischen Reichs. Wenn Archäologen hier von der römischen Kaiserzeit sprechen, meinen sie die Epoche. Römische Herrschaft ist damit nicht gemeint. Kontakte gab es trotzdem, wie das Museum für Ur- und Frühgeschichte in Weimar für die germanischen Gemeinschaften Thüringens beschreibt. [5]
2017 gruben Archäologen des Thüringischen Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie nahe dem Erfurter Tor, zwischen Karl-Marien-Straße, Muhmengasse und Turnvater-Jahn-Straße. Sie stießen auf Spuren aus der mittleren bis späten römischen Kaiserzeit und auf Scherben von Terra sigillata. Dieses römische Tafelgeschirr erkennt man an seiner roten, glänzenden Oberfläche, oft mit Verzierungen im Relief. [2]
Römisches Geschirr gelangte also bis ins heutige Arnstadt. Wer es mitbrachte, verraten die Scherben nicht. Denkbar sind Handel, ein Geschenk oder ein Besitzer mit Kontakten in andere Regionen. Über eine römische Garnison oder die Herkunft des letzten Besitzers sagen die Funde nichts aus. [2] [5]
Die rote Schale

Jemand reicht eine rote Schale über den Tisch. Der Mann neben ihm dreht sie zum Licht und fährt mit dem Daumen über die Verzierung. Dann stellt er sie vorsichtig ab. Vielleicht ist das gute Geschirr nur heute auf dem Tisch. Viele Jahre später wird von der Schale bloß eine Scherbe übrig sein. Eine Archäologin hebt sie aus der Erde, wischt sie sauber und erkennt den roten Glanz. Wem die Schale gehörte und was an jenem Tisch besprochen wurde, wird sie nicht erfahren.
Diese Szene ist erfunden. Ihr Ausgangspunkt sind die Terra-sigillata-Scherben aus Arnstadt. Wer das Geschirr besaß und benutzte, ist unbekannt. [2]
Haarhausen: römische Technik vor Ort

Ein nachgebauter römischer Töpferofen auf dem Gelände für experimentelle Archäologie in Haarhausen. Diese moderne Rekonstruktion wurde laut Bildmetadaten 2004 fotografiert.
Mazbln · Bildquelle · CC BY-SA 3.0 · Groß ansehen ↗Im benachbarten Haarhausen wurde zwischen 1979 und 1986 eine Töpferwerkstatt mit mehreren Gebäuden ausgegraben. Oliver Mecking beschreibt drei Öfen, eine Trockenhalle, Werkgebäude und einen gepflasterten Platz zur Tonaufbereitung. Hier stellten Töpfer in der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts graue Drehscheibenkeramik her. Sie nutzten dafür römische Technik. [3]
Die graue Ware aus Haarhausen ist etwas anderes als die rote Terra sigillata. Sie zeigt, dass Töpfer außerhalb des Reichs römische Herstellungstechniken übernahmen. Ob eine anderswo gefundene Scherbe aus Haarhausen stammt, erkennt man allerdings nicht an der Farbe. Dafür verglich Mecking die chemische Zusammensetzung der Keramik. Sein Beitrag von 2003 berichtet von rund 900 untersuchten Scherben aus etwa 50 Fundplätzen. [3]
Wer von einer römischen Töpferei in Haarhausen liest, sollte also an die Technik und die Verbindungen zum Römischen Reich denken. Eine römische Provinzstadt bei Arnstadt ist damit nicht nachgewiesen. [3] [5]
Warten vor dem Ofen

Der Töpfer hebt ein Gefäß vom Brett und fährt über den Rand. Noch eine Unebenheit. Er bessert sie aus und stellt es zu den anderen. Am Ofen wartet bereits die nächste Arbeit. Formen, trocknen, brennen: Ein Topf ist nicht an einem Nachmittag fertig. Ob die Mühe sich gelohnt hat, wird der Töpfer erst nach dem Brand sehen. Bis dahin bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich um die nächsten Gefäße zu kümmern.
Der Arbeitstag und der Töpfer sind erfunden. Öfen und weitere Teile der Werkstatt wurden in Haarhausen ausgegraben. Von einzelnen Handwerkern erzählen die Funde nichts. [3]
Wie die Menschen zur Römerzeit lebten
Die Menschen im damaligen Thüringen wohnten in Pfostenhäusern, betrieben Landwirtschaft und hielten Vieh. Handwerker verarbeiteten Eisen, Bunt- und Edelmetalle. So beschreibt es das Museum in Weimar. Glas- und Bronzegefäße sowie kostbares Tafelgeschirr kamen zum Teil von weit her. Nicht alle konnten sich solche Dinge leisten: Reich ausgestattete Bestattungen wie das Grab von Haßleben zeigen, wie groß die sozialen Unterschiede sein konnten. [4]
Diese Beschreibung gilt für Thüringen insgesamt. Wie ein ganzes Dorf am Arnstädter Fundplatz aussah, lässt sich daraus nicht ableiten. Auch der Name Hermunduren, den wir aus römischen Texten kennen, bezeichnet einen regionalen Zusammenhang. Wie sich die Menschen hier selbst nannten, wissen wir aus den Scherben nicht. [4] [5]
Vom Thüringerreich zu den Webhäusern
Um 500 bestand in Mitteldeutschland das Königreich der Thüringer. Es hatte Verbindungen zum Ostgotenreich und unterlag 531 den Franken an der Unstrut, wie das Landesmuseum Halle beschreibt. Das gehört zur Geschichte der Region. Ein Königssitz oder ein Schlachtfeld in Arnstadt ist damit nicht belegt. [7]
In Arnstadt selbst kamen bei der Grabung von 2017 auch zwei in den Boden eingetiefte Nebengebäude zum Vorschein. Spinnwirtel und Webgewichte deuten darauf hin, dass dort gewebt wurde. Das Fundmaterial stammt aus der Merowingerzeit. Die Webhäuser sind damit jünger als die kaiserzeitlichen Funde derselben Grabung. [2]
Der Übergang zum Mittelalter hatte keinen überall gültigen Stichtag. Nach den frühen Funden und der Urkunde von 704 führt diese Darstellung weiter bis zur Stadt um 1500.
Was die Jahreszahl 704 bedeutet
Eine auf 704 datierte Schenkung Hedens an Willibrord nennt einen Hof in Arnstadt. Das Original ist verloren. Erhalten ist der Text im Liber aureus der Abtei Echternach, einer Handschrift aus dem späten 12. Jahrhundert. Ein Bericht über das Arnstädter Kolloquium von 2016 erläutert diese Überlieferung anhand der Forschungen Olaf Schneiders. [8]
Dass wir nur eine spätere Abschrift besitzen, macht die Schenkung nicht automatisch unecht. Historiker müssen aber prüfen, wie zuverlässig sie den älteren Text wiedergibt. 704 ist deshalb die überlieferte Ersterwähnung Arnstadts. Die erste Siedlung kann wesentlich älter sein, und eine Stadt mit Stadtrecht war der genannte Hof noch nicht nachweislich. [8]
Als der König nach Arnstadt kam
Im Dezember 954 versammelte König Otto I. die Großen seines Reichs in Arnstadt. Hinter ihm lag der Aufstand seines Sohnes Liudolf und seines Schwiegersohns Konrad. Nach der Darstellung der Allgemeinen Deutschen Biographie wurden beide hier öffentlich begnadigt. Ihre Herzogtümer erhielten sie nicht zurück. Für einen Moment wurden in Arnstadt also Fragen entschieden, die weit über den Ort hinausreichten. [22]
Eine solche Versammlung verrät noch nicht, in welchem Gebäude die Beteiligten saßen oder wie die Siedlung aussah. Die herangezogene Darstellung beschreibt das politische Geschehen. Einen genauen Schauplatz innerhalb des heutigen Arnstadts legt sie nicht fest. [22]
1266: Die Bürger wollen verlässliche Rechte
1220 erscheint Arnstadt in den Urkunden als civitas, als Stadt. Am 21. April 1266 folgte das Stadtrechtsprivileg der Abtei Hersfeld. Die Urkunde reagiert auf ein Anliegen der Arnstädter Bürger: Sie wollten wissen, nach welchen Regeln ihre Angelegenheiten entschieden werden sollten. Als Vorbild dienten die Rechte und Gewohnheiten Hersfelds. [13] [23]
Der Abt gab Rechte, verlangte aber auch Gehorsam. Stadtrecht bedeutete deshalb keine vollständige Unabhängigkeit. Und es ließ die Stadt nicht an einem einzigen Tag entstehen. Die Jahreszahlen 704, 1220 und 1266 beantworten verschiedene Fragen: Wann wird der Ort genannt, wann als Stadt bezeichnet, und wann erhält er sein überliefertes Stadtrechtsprivileg? [13] [8] [23]
Eine Kirche wächst, ein Kloster zieht um
An der Liebfrauenkirche wurde über lange Zeit gebaut. Die Stadt nennt ungefähr 1170 bis 1330 als Bauzeit, die Kirchgemeinde setzt den Beginn um 1230 an. Diese Angaben lassen sich nicht zu einem einzigen gesicherten Gründungsjahr zusammenziehen. Am Bau stehen romanische und gotische Formen nebeneinander. Die Kirche diente auch als Grablege der Schwarzburger. [20] [15]
Das Benediktinerinnenkloster St. Walpurgis ist erstmals 1196 belegt. Zunächst lag es auf dem Berg außerhalb der Stadt. Um 1309 wurde es an die Liebfrauenkirche verlegt. Eine Urkundenabschrift nennt unter den Gründen den beschwerlichen Aufstieg. In der Stadt lebten die Nonnen fortan näher an den Menschen und Besitzungen, mit denen ihr Kloster verbunden war. Für 1457 nennt das Thüringische Klosterbuch 32 Nonnen. [16] [17]
Die Nonnen waren nicht die einzige Ordensgemeinschaft. Um 1248 ließen sich Franziskaner in Arnstadt nieder. Ihre Klosterkirche ist die heutige Oberkirche. Wer beide Kirchen besucht, begegnet also verschiedenen Teilen des mittelalterlichen religiösen Lebens. [20]
Das Buch im Bündel

Der Weg führt bergab. Eine Nonne hält ein in Stoff eingeschlagenes Buch vor der Brust, damit es nicht an die Schnalle ihres Bündels schlägt. Hinter ihr bleiben die vertrauten Mauern zurück. Unten wartet die Stadt. Eine ältere Schwester bleibt kurz stehen und sieht noch einmal den Hang hinauf. Dann geht sie weiter. Ob die neuen Räume heller sein werden? Ob sie nachts die Geräusche der Straße hören wird? Darauf kann ihr heute niemand antworten.
Die Frauen, ihre Gedanken und dieser Umzugstag sind erfunden. Belegt ist die Verlegung des Klosters um 1309. Die Urkundenüberlieferung nennt den mühsamen Aufstieg als einen der Gründe. [16] [17]
Zu den unterschiedlichen Türmen der Liebfrauenkirche gibt es auch eine Sage: Der Meister und der schönere Turm.
Wer hatte in Arnstadt das Sagen?
Die Abtei Hersfeld und die Grafen von Käfernburg-Schwarzburg teilten sich Rechte in Arnstadt und stritten um ihren Einfluss. 1273 erhielten die Käfernburger einen Anteil an der Stadt und die Burg Neideck als Lehen. Die käfernburgischen Rechte gingen 1306 an die Schwarzburger über. 1332 kauften diese schließlich den Hersfelder Stadtanteil. Das war ein Wechsel der Herrschaft, nicht die Neugründung Arnstadts. [14]
Zur Stadt gehörten Mauern und Tore. Teile der spätmittelalterlichen Befestigung sind erhalten. Der Neutorturm wird 1418 erstmals urkundlich genannt; der Bau dürfte älter sein. Seine späteren Aufbauten zeigen, dass auch ein mittelalterlicher Turm über Jahrhunderte verändert wurde. [19]
1349 wurde der Schwarzburger Graf Günther XXI. zum deutschen König gewählt. Seine Königsherrschaft dauerte nur wenige Monate; noch im selben Jahr verzichtete er und starb kurz darauf. In Arnstadts Geschichte berühren sich damit städtische Herrschaft und Reichspolitik. [21]
Jüdisches Leben und Verfolgung
Jüdische Menschen lebten im mittelalterlichen Arnstadt. Der früheste hier herangezogene Nachweis ist bereits eine Nachricht über Gewalt: 1264 wurden fünf Juden ermordet. Für 1273 sind jüdische Bewohner in einem Vertrag ausdrücklich erwähnt. Später belegen die Quellen eine Synagoge und einen Friedhof. Hinter diesen knappen Nachrichten steht eine Gemeinde mit einem eigenen religiösen Alltag. [18] [24]
1349 wurden beim Pogrom fast alle Arnstädter Jüdinnen und Juden ermordet. Die Verfolgung gehört in die Zeit der Pestpogrome. Juden wurden damals wahrheitswidrig beschuldigt, Brunnen vergiftet zu haben. Die Beschuldigung war ein Vorwand für Gewalt, keine Erklärung für die Seuche. [18] [24]
Im 15. Jahrhundert sind wieder jüdische Bewohner bezeugt. Phasen der Ansiedlung wechselten mit Vertreibungen. Ihre Geschichte passt deshalb nicht in das Bild einer Stadt, deren wachsender Wohlstand allen dieselbe Sicherheit bot. [18]
Wovon die Stadt lebte
Arnstadt lag an einer Verkehrsverbindung zwischen Nürnberg und Erfurt. Der Handel mit Waid spielte im Mittelalter eine wichtige Rolle. Der Fachbeitrag zu den Residenzstädten nennt außerdem Wolle, Gerbereiprodukte und Gewandschneider im Wirtschaftsleben der Stadt. So lässt sich hinter den Urkunden eine Stadt mit Warenverkehr und handwerklicher Arbeit erkennen. Die viel später bezeugten großen Brauereizahlen gehören allerdings nicht in dieses mittelalterliche Bild. [14] [23]
Ein kleiner Rechnungsposten bringt den Alltag besonders nahe: 1404 wurden beim Kloster an der Liebfrauenkirche Ausgaben für Bratwurstdärme notiert. Der städtische Reiseplaner führt ihn als frühen schriftlichen Beleg der Thüringer Bratwurst an. Was genau im Rezept stand und seit wann man sie zubereitete, sagt die Notiz nicht. Eine Rechnung kann eine Speise belegen, ohne ihr Geburtsdatum zu verraten. [21]
Noch einmal gegen das Licht

Der Händler schlägt das Tuch auseinander. Die Kundin nimmt eine Ecke zwischen Daumen und Zeigefinger und hält sie gegen das Licht. Sie sucht eine dünne Stelle. Er zieht den Stoff glatt und wartet. Vom Nachbarstand schiebt jemand einen Sack zur Seite, ein Kind drängt sich zwischen den Erwachsenen hindurch. Die Frau lässt das Tuch sinken und nennt ihren Preis. Der Händler schüttelt den Kopf. Gekauft ist noch nichts.
Eine frei erfundene Marktszene. Sie greift den belegten Handel und das Textilgewerbe auf. Personen, Gespräch und Marktstand sind nicht überliefert; auch der Farbton im Bild ist eine künstlerische Wahl. [14] [23]
Vom ehrlichen Maß erzählt die Sage der ruhelosen Bierzapferin.
Was von der Stadt um 1500 geblieben ist
In der Liebfrauenkirche ist der Flügelaltar von 1498 zu sehen, der ursprünglich aus der Oberkirche stammt. Solche Stücke führen näher an das späte Mittelalter heran als viele Fassaden am heutigen Markt. Das Rathaus war schon 1347 erwähnt, brannte aber 1459 ab. Der Bau von 1501 wurde nach dem Stadtbrand von 1581 erneut umgestaltet. Sein heutiges Erscheinungsbild ist wesentlich von der Renaissance geprägt. [19]
Auch Neideck begann als mittelalterliche Burg. Der Ausbau zum Renaissanceschloss folgte erst 1553 bis 1560. Historische Ansichten von 1650 oder 1798 zeigen deshalb eine Stadt, in der vieles bereits anders aussah als um 1400. Die alten Bilder auf dieser Seite bleiben wertvoll, wenn man ihre Entstehungszeit mitliest. [19]
Hier endet der mittelalterliche Teil um 1500. Ein kurzer Blick darüber hinaus erklärt den nächsten Bruch: 1533 wurde das Walpurgiskloster im Zuge der Reformation aufgehoben. Damit veränderte sich auch die Nutzung der Liebfrauenkirche. [16]
Was man sich in Arnstadt erzählte
Warum heißt ein Felsen Jungfernsprung? Wer half der Witwe bei der Ernte? Solche Fragen beantworten die Arnstädter Sagen auf ihre eigene Weise. Die folgenden Geschichten sind frei nacherzählt. Dass sich die Ereignisse tatsächlich so zugetragen haben, ist nicht belegt.
Merowig und die Stadt der Adler
Alteburg · Gründungssage

Am Abend schlägt König Merowig mit seinem Gefolge auf einer Höhe sein Lager auf. Als er morgens ins Tal blickt, will er nicht weiterziehen. Unten liegen die Auen der Gera. Über ihnen kreisen zwei Adler, die sich langsam zum Tal hinabsenken. Für Merowig ist das ein Zeichen: Hier soll eine Stadt entstehen. Er lässt seine Leute mit dem Bau beginnen und will bleiben, bis die Mauern stehen. So erhält die Stadt in Adelbergs Gedicht ihren Namen von den Aaren, einem alten Wort für Adler.
Frei nach H. Adelbergs Gedicht von 1878 in der Arnstadt-Chronik. Es erzählt eine Gründungssage. Merowigs Aufenthalt und die tatsächliche Herkunft des Stadtnamens sind damit nicht belegt. [10]
Der Sprung ins Ungewisse
Jonastal · Sage vom Jungfernsprung

Die junge Frau hört den Reiter hinter sich. Sie läuft weiter, bis der Weg am Felsen endet. Vor ihr geht es steil ins Tal, hinter ihr kommt der Verfolger näher. Sie springt und vertraut sich den Engeln an. Die fangen sie auf und tragen sie heil hinunter. Der Reiter kann sein Pferd nicht mehr anhalten. Beide stürzen in die Tiefe. Seitdem, so erzählt die Sage, heißt der Felsen Jungfernsprung.
Frei nach der Ludwig Bechstein zugeschriebenen Fassung. In anderen Fassungen wird die Frau auf andere Weise gerettet. Ein historischer Beleg für die Verfolgung ist nicht bekannt. [11]
Die Helfer, die keinen Dank verlangten
Jonastal · Die Böhlersmännchen

Das Korn ist reif, doch niemand hat Zeit für das Feld der Witwe. Die wohlhabenden Bauern haben alle Erntehelfer verpflichtet. Wie soll sie nun ihre Kinder durch den Winter bringen? Weinend steht sie am Feld im Jonastal. Da fragt ein kleines Wesen nach ihrem Kummer. Sie erzählt von der Ernte, und es schickt sie in die Stadt: Sie soll einen Wagen holen. Als sie zurückkommt, ist das Korn geschnitten und zu Garben gebunden. Die Böhlersmännchen haben die Arbeit für sie erledigt. Die Witwe ruft ihren Dank in die Höhle am Sonnenberg hinein. Doch es bleibt still.
Frei nach der Überlieferung in Band 4 der Arnstadt-Chronik. Die Böhlersmännchen sind Sagengestalten. Aus der Geschichte von ihrer Höhle lässt sich nichts über eine vorgeschichtliche Besiedlung ableiten. [12]
Der Meister und der schönere Turm
Liebfrauenkirche · Späterer Arnstädter Sagenkreis

Meister und Geselle bauen an der Kirche, jeder an einem Turm. Als die Leute den Turm des Gesellen loben, erträgt der Meister es nicht. Er stößt den Jüngeren hinunter. Der Hund des Gesellen springt seinem Herrn nach. Wer später das steinerne Tier am Bauwerk sieht, soll sich an ihn erinnern, erzählt die Sage.
Frei nach dem Ludwig Bechstein zugeschriebenen Arnstädter Sagenkreis. Die Geschichte gehört zur späteren Stadt, lange nach der Römerzeit. Ähnliche Sagen werden auch andernorts erzählt. Über den tatsächlichen Bau der Kirche gibt sie keine verlässliche Auskunft. [11]
Die Frau, die immer weitergehen muss
Walperholz · Die Sage vom vollen Maß

Unter den hohen Buchen wächst an einer Stelle kein Gras. Dort, heißt es, geht eine Frau um den Baum, immer im Kreis. Zu Lebzeiten schenkte sie Bier aus und gab ihren Gästen weniger, als ihnen zustand. Nun findet sie keine Ruhe. Wer zur rechten Zeit vorbeikommt, hört ihren Ruf: Voll Maß! Voll Maß! Die Sage nennt sie Frau Holle. Mit dem Kloster auf dem nahen Walpurgisberg verbindet sie der Ort, nicht ein belegter Lebenslauf.
Frei nach der Bechstein zugeschriebenen Sage. Ihr Entstehungsdatum ist hier nicht belegt; sie ist keine Nachricht über eine bestimmte mittelalterliche Wirtin. Sie begleitet das Kapitel über Handel als Erzählung vom ehrlichen Maß. [11]
Was sich sagen lässt
War Arnstadt eine römische Stadt?
Dafür liefern die hier geprüften Quellen keinen Beleg. Sie zeigen römische Erzeugnisse und Kontakte in einer Region außerhalb des Imperiums. Für Haarhausen ist außerdem römische Produktionstechnik nachgewiesen. [3] [5]
Waren auch Menschen aus dem Römischen Reich hier?
Das ist möglich. Ein römischer Gegenstand verrät aber nicht, woher sein Besitzer kam. Die hier ausgewerteten Funde belegen den Aufenthalt bestimmter Personen aus dem Römischen Reich nicht. [2] [5]
Ist die Alteburg eindeutig eine keltische Stadt?
Der städtische Grabungsbericht beschreibt eine eisenzeitliche Wallanlage. Welchen Gruppen ihre Bewohner angehörten, klärt er nicht. Eine Bauform allein reicht für die Zuordnung als keltische Stadt nicht aus. [1]
Gab es eine ununterbrochene Siedlung seit der Steinzeit?
Das ist bisher nicht durch die hier ausgewerteten Quellen belegt. Funde aus verschiedenen Epochen können auch durch lange Zeiten ohne Besiedlung getrennt sein. Um die Frage zu beantworten, müsste man genauer wissen, wann welche Plätze bewohnt waren. [1] [6]
Wurde Arnstadt 1266 gegründet?
Nein. Der Ort ist schon vorher belegt und wird 1220 als Stadt bezeichnet. 1266 erhielt er das überlieferte Stadtrechtsprivileg nach Hersfelder Vorbild. [13] [14]
Zeigen die alten Stadtansichten das mittelalterliche Arnstadt?
Die hier gezeigten Stiche und Postkarten stammen aus späteren Jahrhunderten. Mittelalterliche Bauten können darin erhalten sein, doch die gesamte Ansicht darf nicht in die Zeit um 1400 zurückversetzt werden. [19]
Ist die Bratwurst 1404 in Arnstadt erfunden worden?
Das lässt sich aus dem Rechnungsbeleg nicht schließen. Er zeigt, dass damals Bratwurstdärme bezahlt wurden. Über den Beginn der Zubereitung oder ein genaues Rezept gibt er keine Auskunft. [21]
Wo welche Geschichte liegt
Arnstädter Altstadt
Hier liegt das Quartier, in dem 2017 gegraben wurde. Es ist heute überbaut. Was damals gefunden wurde, beschreibt der Grabungsbericht. [2]
Alteburg
Der Berg am Südrand Arnstadts wurde zu verschiedenen Zeiten genutzt. Die vorgeschichtlichen Funde sind älter als die späteren Befestigungsspuren. [1]
Haarhausen
Die Töpferwerkstätten liegen im Umland. Haarhausen ist ein eigener Fundplatz, getrennt von der Grabung in der Arnstädter Altstadt. [3]
Weimar
Das Museum für Ur- und Frühgeschichte Thüringens stellt die Kaiserzeit und eine Rekonstruktion der Haarhausener Töpferei vor. [4]












